Die Leine ist tot, es lebe die Leine


Das Mensch-Haustier-Verhältnis wandelt sich - zum Glück. Mit End..Mitte 20 bin ich ja nicht mehr die Jüngste und mein Gedächtnis kann mich täuschen. Aber ich habe das Gefühl, dass Hunde vor 10-20 Jahren in der Mehrheit anders gehalten wurden. Hunde waren Accessoires im Leben ihrer Menschen und das meine ich gar nicht mal negativ. Sie war "eben da", sie waren Familienmitglieder, sie wurden geliebt aber sie liefen eben einfach so mit. Vielleicht hat sich nur meine eigene Wahrnehmung oder mein Umfeld geändert und natürlich gibt es auch heute noch viele Familien, in denen es so abläuft, aber die neue Generation Hundehalter ist anders. Hunde haben mittlerweile ähnlich volle Wochenpläne wie manche Kinder. Sie gehen dienstags zum Agility und freitags ist Obedience. Am Sonntag ist der neue Fährtensuchkurs, den man schon immer mal ausprobieren wollte. Hunde werden tierärztlich im weit vierstelligen Bereich behandelt und bekommen Physiotherapiestunden. Vor 20 Jahren hätte man uns dafür ausgelacht. Hunde haben Playdates, sie werden besser ernährt, oft mehr als denkendes Wesen wahrgenommen und wenn es so weitergeht, dürfen sie bald wählen - vielleicht nicht die schlechteste Idee, wenn man sich die politische Landschaft mal anschaut. Hunde sind beste Freunde und beste Freunde legt man schließlich nicht an die Leine, oder? Doch! Ich schon. Meine vier besten Freunde tragen eine Leine.

Früh übt sich

Ein Cowboy braucht keine Leine

Ich hoffe darauf, dass sehr viele von euch jetzt empört schreien: "Äh, natürlich kommen Hunde an die Leine!". Dann dürft ihr hier aufhören zu lesen und weiter als normaldenkender Mensch leben. Offensichtlich seid ihr dann keiner der zahlreichen Menschen, die mich schlussendlich doch dazu bewegt haben, einen Artikel mit einem SO offensichtlichen Inhalt zu schreiben: Die Anti-Leinen-Helden.

Die Anti-Leinen-Helden sind nach meiner Beobachtung bevorzugt junge Männer mit eindrucksvoll großen Hunden. (Ich möchte hier keine miesen Klischees aufrühren, daher: nach MEINER Beobachtung) Hund und Herrchen schlurfen meist im exakt gleichen Wild Wild West-Gang nebeneinander durch die Gegend. Der Vierbeiner trägt eventuell noch ein Halsband, der Zweibeiner eventuell noch lässig ein Leinchen über der Schulter. Manchmal sind aber auch beide nackt. Also nackt im Sinne von leinenfrei - versteht sich.

In freier Wildbahn und hundefreundlicher Umgebung sind die Anti-Leinen-Helden-Hunde meisten Dertutnixe. Da wird einem dann freundlich entgegengegrunzt, dass der Spike nur spielen will, während der Spike, der in etwa so gut sozialisiert ist, wie ein Eintagsfliegenwaisenkind, das allein im Himalaya aufgewachsen ist, fröhlich meine Hündinnen bespringt und meine Rüden plattwalzt. Aber der will ja nur spielen. Puh, Glück gehabt. Aber das ist ein anderes Thema. Ein Thema, bei dem ich mittlerweile nur noch resigniert den Kopf schüttle. Kritisch werden die leinenverweigernden Großhundcowboys aber in der Stadt.

Mitten. In. Der. Stadt.

Wenn die überschäumende Coolness des Halters einen Hund in Gefahr bringt, hört bei mir der Spaß auf. Liebe Anti-Leinen-Helden, es ist mir egal, wie gut ihr meint, euren Hund erzogen zu haben. Es ist mir egal, dass der ja "immer bei euch bleibt" und euch total als Alphawolf akzeptiert. Es ist mir egal, dass da "noch nie was passiert ist" und dass der Spike euch "nie von der Seite weicht". Wenn du in einer Umgebung, die Autos, Straßenlärm, Fahrradfahrer, Inlineskater oder Kamelkarawanen beinhaltet, deinen Hund nicht an die Leine nimmst, bist du ein Vollidiot. Ganz einfach.

Das Tröpfchen, das den Wassernapf zum Überlaufen brachte, war eine Beobachtung, die ich tatsächlich genau so an einer riesigen Kreuzung von vierspurigen Straßen mitten in Düsseldorf gemacht habe. Wenn du dich und deinen Hund in dieser Situation wiedererkennst, fühle dich bitte an dieser Stelle mal virtuell geohrfeigt. Ein junges Paar. Er lässig am Auto lehnend. Sie ein bisschen ängstlich an einer leeren Leine fummelnd. 15 Meter weiter an der Fassade eines Supermarkts ihr Hund. Vielleicht 10 Wochen alt. Mit Halsband aber ohne Leine. Natürlich ohne Leine. Die passende Leine trägt ja Frauchen, deren ängstlicher Blick mir zeigt, dass sie zumindest noch ein bisschen Resthirn mit sich spazieren trägt. Nach kurzem Analysieren der Situation verstehe ich halbwegs, was die beiden da machen: Sie üben "Bleib". Mit einem jungen Hund. Auf einem Fußweg neben einer vierspurigen Straße mitten im Berufsverkehr. Er wedelt total beruhigend mit den Armen Richtung Hund und wiederholt im Stakkato "BLEIB, ÖDIN! BLEIB!". Der Hund guckt überall hin aber nicht zu ihm. Ich wiederhole es sicherheitshalber noch mal: Neben einer vierspurigen Straße. Sag mal, seid ihr einmal zu oft vom Wickeltisch gerollt?

Der Freiheit beraubt und unglücklich

Dogs will be dogs

Ich weiß nicht, was Menschen dazu bewegt, ihren Hund in Situationen abzuleinen, die nicht 100% sicher sind. Noch weniger weiß ich, was sie dazu bewegt, ihren Hund abzuleinen, wenn es genau 0% sicher ist. Ist es das Prestigeobjekt "Gut erzogener Hund, der bei mir bleibt"? Oder eine sehr falsche Einschätzung der Gefahrenlage? Ist es "cool", wenn man seinen Hund ohne Leine "führen" kann oder machen die das, damit sie die Hände fürs Smartphone frei haben? "Look at my Impulskontrolle, my Impulskontrolle is amazing"? Ich verstehe es nicht und werde es wohl auch nicht verstehen. Hunde jagen, Hunde erschrecken sich, Hunde sind Hunde. Ja, auch der Spike, der dich total als Alphawolf akzeptiert und darum immer neben dir bleibt.

Vielleicht ist es aber auch weder Dummheit, noch Übermut, sondern einfach der Gedanke daran, dass der Hund sich doch sicher an der Leine nicht frei entfalten kann. Das wäre ja zumindest ein nobler Ansatz. Allerdings entziehe ich meinen Hunden lieber ein paar mal am Tag die Möglichkeit, sich frei zu entfalten - sonst besteht eben auch die Gefahr, dass sie sich mal frei unter einem Autoreifen entfalten. Außerdem: Eine Leine, die an einem gut sitzenden Halsband oder Geschirr befestigt ist, und die dem Hund gut antrainiert wurde, ist keine Einschränkung. Ich habe keine Leine zwischen mir und meinen Hunden, um sich mit höchster Spannung in die Richtung zu ziehen, in der ich sie haben will, und auch nicht, weil ich ihnen Freiheit rauben will. Ich habe eine Leine an meinen Hunden, damit ich sie in Sicherheit weiß, in einer Welt, die einfach nicht für hündische Impulse gemacht ist. Ich bin noch lange nicht mit allen Vieren so weit, dass die Leine ständig nur als kaum spürbares Bändchen zwischen uns baumelt und wir uns blind verstehen. Aber wir arbeiten daran. Wenn dein Hund die Leine als unangenehm empfindet, sich sogar gegen das Anlegen wehrt und an der Leine nicht gut zu führen ist, ist er vielleicht einfach doch nicht so supergut erzogen. Dass das Verhalten eines Hundes an der Leine das Verhältnis zwischen Hund und Mensch widerspiegelt, stimmt leider - auch wenn es vielleicht nicht jeder hören will.

Gut, jetzt sollte ich mit meinen unerzogenen Monsterhunden die Klappe vielleicht nicht zu sehr aufreißen, aber eine einfache Grundregel erlaube ich mir aufzustellen: Wenn dein Hund da, wo ihr grad seid, nicht gefahrlos und spontan mal 10 Meter in jede Richtung neben dir schnüffeln gehen kann, leinst du ihn verdammt noch mal an. Die Leine als Einschränkung des Hundes ist tot, es lebe die Leine, die verhindert, dass dein bester Freund bald den Asphalt verschönert.

Geschrieben von StereoSushiSu am Freitag Juni 10, 2016
Permanenter Link - Category: Alltägliches

Leave a comment


« Die Pubertät oder "Lauft. Lauft so schnell ihr könnt." -